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Auf die Katze gekommen
Eine wahre Begebenheit...

Es war einmal ein alter Mann, der lebte allein in einem kleinen Haus. Seine Frau war bereits tot. Zu dem kleinen Haus gehörte ein großer Stall. Darin lebten ein Dutzend Schafe und eine junge weibliche Katze. Diese Tiere waren dem alten Mann lieb und teuer. Der alte Mann hatte zwei Töchter. Die eine wohnte nur zwei Häuser weiter und buk ihm jeden Tag Kuchen und brachte ihm jeden Tag Schokolade. Der alte Mann war zuckerkrank, und der Arzt hatte ihm diese Dinge verboten, aber die Tochter meinte: "Das isst er doch so gern."
Die andere Tochter wohnte in der nächsten Stadt. Sie buk keinen Kuchen und brachte keine Schokolade, aber sie besuchte den alten Mann oft. Sie hatte ihn sehr lieb und wollte nur sein Bestes, und deshalb sagte sie bei jedem Besuch zu ihm: "Verkauf endlich die Schafe und schmeiß die Katze raus. Du hast nicht mehr so viel Kraft. Du schaffst die Arbeit mit den Viechern nicht mehr."
Aber der alte Mann wollte nicht auf die Tochter hören, denn er brauchte seine Tiere, und seine Tiere brauchten ihn. Eines Tages wurde der alte Mann sehr krank und wurde ins Krankenhaus gebracht. Er wollte das nicht, aber es ging nicht anders. Seine eine Tochter besuchte ihn oft und brachte ihm Kuchen mit, weil er im Krankenhaus keinen Kuchen bekam. Die andere Tochter besuchte ihn auch und sagte: "Wir haben die Schafe verkauft. Wir können uns nicht um sie kümmern."
Der alte Mann weinte um seine Schafe und wollte auch keinen Kuchen mehr. Er wollte nur noch nach Hause, aber er kam nicht mehr nach Hause. Er starb im Krankenhaus. Die Töchter weinten sehr. Dann teilten sie das Erbe unter sich auf. Die eine Tochter bekam das Geld auf der Bank. Die andere Tochter bekam das Haus und den Stall. Das Haus wurde umgebaut und vermietet. Der Stall wurde abgerissen. Die Katze wurde verjagt.
Die Katze lief zu der einen Tochter und wollte dort wohnen, weil sie die Tochter kannte und der Stall nicht mehr da war. Aber die Tochter wollte keine Katze und jagte sie weg. Die Katze lief zum nächsten Nachbarn - und zum nächsten, aber keiner wollte sie haben. Schließlich kam die Katze auf den Hof eines Ehepaares. Die Leute hatten den alten Mann gut gekannt. Sie wussten, dass die Katze bei dem alten Mann gelebt hatte. Die Leute hatten früher selbst Katzen gehabt, aber jetzt wollten sie keine mehr, denn mit jeder ihrer Katzen hatte es ein trauriges Ende genommen. Außerdem gab es viele Vögel in ihrem Garten, und die Katze jagte Vögel. Also versuchten sie die Katze zu vertreiben.
Aber die Katze hatte keine Wahl mehr. Sie musste bleiben, weil sie auf dem Hof der Leute unter einem Holzstapel einen Schatz verborgen hatte: drei kleine Katzenkinder, die dort auf ihre Mutter warteten. Also lief die Katze nicht mehr weg, wenn der Mann sie verscheuchen wollte, sondern kauerte sich zusammen und schaute ihn mit großen ängstlichen Augen an.
Der Mann fand das seltsam. Er näherte sich vorsichtig der Katze und betrachtete sie ganz genau. Dann schüttelte er traurig den Kopf: "Inge!", rief er. "Inge, die Katze säugt. Die muss hier irgendwo ein Nest voller Kleiner haben. Mach mal einen Teller mit Resten vom Mittagessen fertig. Ich stell ihr das hin." Die Frau schüttelte auch den Kopf: "Auch das noch", sagte sie, ging in die Küche, füllte eine alte Schale mit Essensresten und brachte sie auf den Hof. "Wir wollen doch nicht, dass sie bleibt", meinte sie. "Wenn du sie jetzt fütterst, hast du sie endgültig am Hals." "Ich weiß", sagte der Mann, "aber sie ist am Verhungern. Schau sie dir doch an. Die Babys sind bestimmt auch schon halb verhungert."
Die Katze machte die Schale in Null-komma-nix leer. Dann sagte sie leise "Mau" und verschwand unter dem Holzstapel. "Da muss das Nest sein", sagte der Mann. "Ich fahr noch mal in die Stadt", fügte er hinzu, "und besorg ein paar Dosen Katzenfutter." Die Frau seufzte noch einmal. "Bring auch eine Schachtel Trockenfutter mit", sagte sie.
Am nächsten Morgen stellte der Mann der Katze eine Schale mit Katzenfutter auf den Hof. Die Katze kam sofort unter dem Holzstapel hervor, putzte die Schale leer, verschwand wieder unter dem Holzstapel - und kam wenige Minuten später mit drei kleinen Kätzchen wieder ans Licht. "Mau", sagte sie, "das sind meine Kinder."
"So groß schon", sagte die Frau - und füllte die Schale noch einmal mit Katzenfutter. Diesmal putzten die Kleinen sie leer. "Die lassen wir aber sofort kastrieren", meinte die Frau. "Nicht, dass sie uns noch öfter Junge anschleppt." "Klar", meinte der Mann. "Ruf mal Anita an, sie soll uns einen von ihren Transportkörben leihen." Dann nahm er die Jungen einzeln hoch und schaute sie sich an. "Ein Katerchen", sagte er, "und zwei Katzen. Aber das Katerchen sieht nicht gut aus. Das ist krank."
Das Katerchen war sogar sehr krank. Total verwurmt und von Hunger geschwächt, starb es drei Tage später. Einer der kleinen Katzen, Lisa, wurde ein paar Wochen später in ein neues Zuhause gegeben. Die zweite kleine Katze, Katinka, blieb bei dem Ehepaar - zusammen mit ihrer Mutter, die der Mann Minka getauft hatte.
Minka hatte zunächst überhaupt kein Vertrauen zu Menschen, aber den Mann liebte sie über alles. Wenn er im Haus war, rief sie nach ihm, damit er in den Garten kam. Wenn er im Garten war, tollte sie übermütig um ihn herum, ließ sich streicheln und auf den Arm nehmen. Wenn der Mann mit seiner Frau spazieren gehen wollte, kam Minka mit. Wenn sie eine Radtour unternehmen wollten, mussten sie das heimlich tun, weil Minka sich nicht abschütteln ließ, wenn sie erst mal auf ihrer Spur war. Minka ging nicht gern ins Haus, aber wenn der Mann im Keller oder auf dem Dachboden werkelte, wollte sie doch hinein, nur um in seiner Nähe zu sein. Und wenn der Mann mal ein paar Tage fort war, war Minka todtraurig und nach seiner Rückkehr noch eine ganze Weile böse auf ihn, weil er sie allein gelassen hatte. Minka duldete ihre Tochter in ihrer Nähe. Aber sie akzeptierte nicht, dass Katinka auch von ihren Menschen angesprochen oder gar gestreichelt wurde. Wenn sie das sah, verprügelte sie ihre Tochter dafür.
Dann, eines Tages im Winter, kam Minka nicht nach Hause. Einen Tag nicht, zwei Tage, drei Tage...
Und als sie dann doch endlich kam, war sie sehr krank. "Vergiftet", sagte die Tierärztin. Sie versuchte zu helfen, doch vergebens. Minka starb in der Sylvesternacht in den Armen des Mannes. Ihre Tochter saß daneben und sah alles mit an. Als Minka tot war, verkroch Katinka sich im Haus, traute sich nicht mehr in den Garten, ließ sich nicht anfassen, wollte nicht fressen. Nach ein paar sehr traurigen Tagen fing sie sich wieder, und heute ist sie die verschmusteste, verspielteste und fröhlichste Katzendame der Welt.

© Anita Sprungk, de.rec.tiere.katzen